Projekt Baby-Hörmobil

Das Neugeborenen-Hörscreening wurde in Deutschland ab dem 01.01.2009 gesetzlich verankert. Obwohl die schwerhörigen Kinder nun früh entdeckt werden, gelangen nur etwa 50 Prozent zeitgerecht zur weitergehenden Diagnostik und Frühversorgung. Dieses traurige Ergebnis liegt wahrscheinlich am mangelnden Wissen der Beteiligten über die Notwendigkeit der Frühversorgung mit Hörhilfen, um eine regelrechte Reifung des Hör- und Sprachsystems zu ermöglichen. Diese Frühversorgung muss bis zum Ende des 6. Lebensmonats erfolgen. Ansonsten werden für das Hörsystem vorgesehene Strukturen im Gehirn abgebaut, für andere Sinnessysteme umgebaut oder erhalten keine schnelle Reizleitung und werden nicht zeitgerecht mit weiteren sensorischen Systemen und dem motorischen System zum Sprachaufbau verknüpft.  Leider werden uns immer wieder Kinder vorgestellt, die trotz Neugeborenen-Hörscreenings nicht in den Genuss einer Frühversorgung kamen: Kommentare von ärztlichen Kollegen und Eltern: „Das wächst sich aus“, „Hörgeräte können Kinder erst später tragen“, „Mein anderes Kind hört auch gut“, „Zuhause reagiert das Kind doch“ etc. Hier greift die Hörscreeningzentrale ein: Sie erhält die Daten der in den Geburtskliniken gescreenten Kinder, und prüft, ob sie zeitgerecht in den Nachsorgestellen vorgestellt wurden. Wenn nicht, wird Kontakt zu den Eltern aufgenommen und recherchiert, wo der Fehler im System liegt. Z. B. bei Nelli: Die Geburtsklinik will nicht mit der Zentrale zusammen arbeiten, Nelli wird erst im Alter von einem Jahr in der Pädaudiologie vorgestellt, obwohl im Neugeborenen-Hörscreening auffällig. Z. B: Bei Sarina, erste Vorstellung trotz auffälligem Neugeborenen-Hörscreening in der Pädaudiologie  im Alter von 2 ½ Jahren. Der Kinderarzt dachte, der HNO-Kollege kümmert sich, der HNO-Kollege dachte, der Kinderarzt kümmert sich. Oder bei Rabishan, erste Vorstellung in der Pädaudiologie im Alter von 2 Jahren. Die Kinderärztin glaubte, Hörgeräte könne man erst im Alter von 2 Jahren anpassen, der Vater sah den Kontrollbedarf nicht ein. Usw. usw.  Diese Kinder werden lebenslang nicht mehr zu einer normalen Sprache kommen mit der entsprechenden Einschränkung schulischer und beruflicher Chancen.  

Aljoscha, mit Hörgeräten frühversorgt

Für die 15 Hörscreeningzentralen in Deutschland gibt es bis heute keine vom Gesetzgeber geregelte Finanzierung trotz Anfragen und Bemühungen ihrer Leiter/Mitarbeiter auf vielen Ebenen des deutschen Gesundheitssystems. Wir haben uns bisher mit Spenden durchgeschlagen, erbitten jetzt 3,-€/Neugeborenes von den Geburtskliniken für die Leistungen der Hörscreeningzentrale Westfalen-Lippe. Wir arbeiten bereits mit über 60 der ca. 90 Geburtskliniken in Westfalen-Lippe zusammen, einige wollen keine Kooperation. Ich konnte als Ärztliche Leiterin der Hörscreeningzentrale Westfalen-Lippe bisher ca. 30 Geburtskliniken wegen der 3,-€-Lösung persönlich mit meinem Mitarbeiter Peter Matulat, dem Organisatorischen Leiter,  besuchen, 20 haben Verträge mit der Hörscreeningzentrale Westfalen-Lippe unterschrieben. Sie läuft derzeit mit den daraus resultierenden Mitteln mit einer personellen Minimalausstattung. Zu den Leistungen der Hörscreeningzentrale gehören auch die Schulungen und Nachschulungen der screenenden Mitarbeiter (Hebammen, Kinderkrankenschwestern) und die Qualitätssicherung mit Überprüfung der Messqualität anhand der an die Hörscreeningzentrale von den Geburtskliniken übertragenen Messdaten. Außerdem erstellen wir für die Geburtskliniken die vom Gemeinsamen Bundesausschuss geforderten jährlichen Statistiken. Für die Nachkontrollen haben wir ein sog. Follow up-Netzwerk mit Pädaudiologen und pädaudiologisch qualifizierten HNO-Kollegen aufgebaut, 34 von ca. 50 Kollegen sind bereits datentechnisch eingebunden.

Von unschätzbarem Wert ist das Sponsoring des Baby-Hörmobils durch den Rotary Club Münster Rüschhaus. Die Mitarbeiter der Hörscreeningzentrale fahren damit zu Schulungen/Nachschulungen, für den technischen Anschluss und für weiteren Service zu den Geburtskliniken. In 2010 wurden 186 Krankenhaus-Mitarbeiter von uns im Neugeborenen-Hörscreening geschult. Das Baby-Hörmobil hat in 2010 ca. 10800 km in Westfalen-Lippe zurückgelegt. In 2010 wurden 40.304 gescreente Neugeborene von den an die Zentrale angeschlossenen Geburtskliniken gemeldet, 1.674 (4,15%) der Kinder waren kontrollbedürftig. Ca. 6350 Briefe wurden an säumige/überforderte/falsch beratene  Eltern geschrieben, mehrere Stunden täglich wurde eine Mitarbeiterin für  Telefonate mit diesen Eltern eingesetzt. 72 Kinder wurden in 2010 mit Hörgeräten frühversorgt. Herzlichen Dank in deren Namen dem RC Münster Rüschhaus für seine Unterstützung.

Prof. Dr. med. Antoinette am Zehnhoff-Dinnesen, Ärztliche Leiterin der Hörscreeningzentrale Westfalen-Lippe